Mit "angemessen touristisch" meine ich, dass man über ausgeschilderte Wege mit Informationstafeln nahe an die natürlichen Attraktionen herankommt, gleichzeitig aber das Niveau der Informationen recht hoch gehalten und auf Schnickschnack verzichtet wird.
Um halb zehn am nächsten Tag fuhren wir vier Jungs (Aleksi, Toni, Ilkka und ich) mit einem der Autos abermals Richtung Taupo. Nicht weit vom am Vortag besuchten Waiotapu liegt ein weiterer, als Scenic Reserve eingeordneter Park namens Waimangu Volcanic Valley. War das zuvor besuchte Thermal Wonderland im Grunde ein Außenmuseum, durch das man ging und ein "Ausstellungsstück" neben dem anderen anschaute, konnte man sich nun etwas mehr und durch jenseits der Wege unberührte Wildnis bewegen. Das Waimangu-Tal ist in mancher Hinsicht sehr spannend: es entstand, als der Vulkan Tarawera am 10. Juni 1886 heftig ausbrach. Die mehrstündige Erruption raffte alles Leben im Tal dahin, auch Menschen starben. Das Tal verformte sich komplett, der Rotomahana-See gewann um ein Vielfaches an Größe, die weltberühmten Pink and White Terraces (Wikipedia!) wurden zerstört. Auferstanden aus Ruinen - in diesem Fall fruchtbarer Vulkanasche - ist alles, was heute in der Gegend wächst und lebt. Dies ist ein einmaliges Beispiel für eine solche Regeneration einer Gegend, die sich komplett in historischer Zeit abspielte. Auch nach dem großen Knall ging es in Waimangu alles andere als ruhig zu: als Beispiel sei der Waimangu ("Schwarzes Wasser"), der größte bekannte Geysir aller Zeiten (auf unserem Planeten) genannt. Er schleuderte im 36-Stunden-Zyklus Wasser und Erdreich in eine Höhe von bis zu 400 Metern (!!!). 1903 starben vier Touristen, die sich trotz Warnung zu nahe an den Drachen heran wagten. 1904 versiegte der Geysir. Abermals verstärkte sich gleichzeitig geothermische Aktivität anderorts in der Nähe.
Das tägliche Wandern zehrte natürlich - nach unserer Rückkehr waren wir Jungs alle recht müde. Nachdem wir etwas gegessen hatten, ging jeder so seiner Wege. Rotorua ist reich an Parks, nach Schwefel miefenden, blubbernden Teichen und Fußwegen, die zu den beiden Erstgenannten führen. Über ein paar dieser Fußwege lief ich erst am Ufer des Rotorua-Sees - wie auch Taupo ein zusammengebrochener Vulkan - entlang, bis ich an das ehemalige Badhaus von Rotorua gelangte. Es liegt in einem Park, der heutzutage Government Gardens heißt, und ist eines der berühmtesten Gebäude Neuseelands. Sein historischer Wert ist genauso beeindruckend wie sein Aussehen, stellte es doch die erste Investition der neuseeländischen Regierung in den Tourismus dar. Es wurde 1908 eröffnet, man durfte also zum hundertsten Geburtstag gratulieren. Heute beherbergt es das Museum of Rotorua, dessen Besuch mir leider verwehrt blieb, weil ich nur ein paar Dollar eingesteckt hatte. Zu sehen gibt es unter anderem Maori-Kunstwerke.
Das Anlegen der heutigen Government Gardens zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ein teures und aufwendiges Projekt. Das gesamte Gelände musste entbuscht, geebnet und seine schwefligen Sümpfe trockengelegt werden. Anschließend wurden über tausend Bäume gepflanzt. Der Park kombinierte victorianische Einflüsse mit neuen Elementen. Ein Pavillon sowie einige im Laufe der Zeit hinzukommende Denkmäler runden heute das Bild des bildschönen Parks ab. Neben dem oben erwähnten Badhaus stehen in den Gardens noch andere historische Gebäude., etwa das nach langem Leerstehen gut renovierte, in mediterranem Stil gehaltene Blue Bath. Mitten im Park gibt es große Felder für Petanque, Bowls etc.. Während meines Parkbesuchs spielte einen zwei große Gruppe von Gentlemen, alle komplett inklusive Hut in weiß gekleidet, gerade ein paar Partien Bowls. Ein grandioser Anblick! Selbst ein weniger selektives Auge als das meinige hätte sich problemlos an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückversetzt fühlen können. Auch der mit Maori-Schnitzereien verzierte Eingang und Zaun ist eine Augenweide.
Fotos von diesem Erlebnis oder vom Badhaus habe ich leider keine - ich hatte aus Bequemlichkeit erstmalig auf meine geliebte Kamera verzichtet und ging im T-Shirt. Immer, wenn Wind aufkam, fröstelte es mich. Ansonsten hielt das Hemd warm, es besteht nämlich aus 100% neuseeländischer Merinowolle. Echt beeindruckend!
Die Jugendherberge von Rotorua verdient eine eigene Erwähnung, aber keine schmeichelhafte. Sie ist nämlich sehr grausig. Die Duschen bezauberten durch ihre Siffigkeit, Stacheldraht umzäunte das freundliche Etablissement. Die Küchenausstattung trieb einem Tränen in die Augen, bevor die Zwiebeln überhaupt geschält waren. Die in den anderen Herbergen selbstverständlich genialen Recyclingstationen waren durch das Prinzip "Eine-Große-Tonne-Für-Alles" ersetzt. Geschirr und Besteck musste sich jeder einzeln (!) an der Rezeption abholen. Dosenöffner gab's nicht, man musste in der Küche der auf dem Gelände gelegenen Gaststätte fragen, ob sie einem die Dinger öffnen können. Einen Korkenzieher gab es nicht mal dort - daran sind allerdings die bei den leckeren neuseeländischen Weinen verbreiteten Metalldrehverschlüsse schuld. So blieb der Wein zu und ich wurde es nicht.
Allerdings traf man auch hier nette Leute. In Rotorua leben sehr viele Maori. An unserem ersten Abend in der Stadt spielte Australien gegen Neuseeland Rugby. Leute versammelten sich schon lange vor Spielbeginn in der eben erwähnten Kneipe mit den Dosenöffnern. Sie tranken Flaschenbier und sangen zur Guitarre - eine Mordsstimmung. Das folgende Spiel schien ausgeglichen zu sein - immer wenn ich schaute, war gerade Gleichstand. Ich selber war nicht in der Bar, alles eben Erzählte sah ich von draußen durch die großen Glasscheiben.
Ich lernte unter anderem auch eine Gruppe von jugendlichen Maori kennen, und zum ersten Mal seit Kaikoura hörte ich die Sprache. Ich musste auch einige Sätze nachsprechen, an die ich mich aber leider nicht mehr erinnern kann. Mit der Aussprache waren die Muttersprachler zu meinem großen Stolz sehr zufrieden. Sie waren wirklich extrem freundlich. Anni erzählte sogar, dass eines der Mädchen ihr einfach so Hilfe beim Spülen angeboten habe. Von Fremden ist man so was als finnisches Mädchen höchstens von schleimigen Kerlen mit eigennützigen Hintergedanken gewöhnt.
Dieser kleine See hatte eine mekwürdige Smaragdfarbe.
1 comment:
Danke für die schönen Fotos, die in diesem Fall wohl besser als Bilder bezeichnet werden, weil sie so künstlich aussehen!
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