Monday, 11 February 2008

Weltmeisterschaft in Tampere

Manchmal hört man, die Finnen veranstalten seltsame Weltmeisterschaften: Stiefel- und Handyweitwurf, Ehefrauentragen, Sauna auf Zeit... Vielleicht ist was dran.

Ich komme auch gerade von einer Weltmeisterschaft und zwar in der Disziplin kyykkä. Das ist ein jahrhundertealtes Spiel, bei dem zwei Mannschaften versuchen, kleine Holzklötzchen (kyykkä) der gegnerischen Mannschaft mit einer geworfenen Keule (karttu) aus dem Spielfeld zu schleudern. Man könnte es fast mit Kegeln vergleichen. Die Keule gleicht einem Baseballschläger. Ähnlich wie bei Kegelkugeln gibt es unterschiedliche Gewichte, ca. 1,5 bis 4 Kilo.

kyykkä und karttu

Die Mannschaften bestehen aus vier Personen; es werfen immer zwei Leute von einer Mannschaft, dann zwei von der anderen. Bis jeder Werfer zwei Mal dran war. Danach gibt es Punkte für kyykkäs, die aus dem Feld geschleudert wurden. Zum Spiel gehört ebenfalls, den Gegner durch Rufe zu demoralisieren und den Werfer abzulenken. Beliebt ist es, schon vor dem Wurf "hauki!" zu rufen. Das bedeutet Hecht und bezeichnet einen Wurf, bei dem der karttu die kyykkäs nicht einmal trifft, geschweige denn aus dem Feld haut. Entspricht also dem Pudel beim Bowling.


Werfer

Die WM im akademischen kyykkä (Akateemisen kyykän MM-kisat) findet seit 1991 statt, seit dem Folgejahr wurde sie stets auf dem Kampus der zweitgrößten TU Finnlands, Tampereen Teknillinen Yliopisto, veranstaltet. Wie dem Namen zu entnehmen ist (?) liegt diese in Tampere, der drittgrößten Stadt nach Helsinki und Espoo.
Anwesend waren angeblich 512 Mannschaften (!!!), gekleidet in haalaris, wie den Bildern zu entnehmen ist.

Auf einem dieser Spielfelder (Nr. 50) trat meine Mannschaft an.

Als am Samstag um 05:00 der Wecker klingelte, bereute ich schon, dass ich mich für die um 09:00 beginnende Meisterschaft angemeldet hatte. Etwas frustriert zog ich mich warm an (Hemd, Pullover, Windjacke, haalari), packte Schulsachen und Zeitung für die Fahrten in den Rucksack und fuhr zum Bahnhof. Von dort aus ging es mit einem gemieteten Bus zusammen mit einigen anderen Mannschaften los.
Mein Team bestand neben mir (Geophysik) aus Reko (Theoretische Physik), Teemu (Physik) und Pekka (Meteorologie); von den fünf Hauptfächern unseres Studienganges fehlte nur Astronomie. Teemu stammt übrigens aus Nokia, nach dem die Firma benannt ist und welches direkt bei Tampere liegt.

Die Vorrunde wurde innerhalb von Vierergruppen ausgetragen, von denen dann zwei Mannschaften weitergeleitet wurden:
Wir spielten zuerst gegen eine Mannschaft von Elektroingenieuren aus Oulu, welche äußerst professionell und trainiert war (kyykkä wird normalerweise nicht geübt). Sie putzten uns im wahrsten Sinne des Wortes weg. Die nächste Mannschaft bestand aus Studenten aller möglichen Fächer und besiegte uns leider ebenfalls, wenngleich nur knapp.
Anschließend hatten wir eine Weile kein Spiel; weil wir sehr ausgehungert waren gingen wir an einem Stand Bratkartoffeln und Wurst frühstücken. Teemu kaufte einen Kasten Bier und siegessicher standen wir pünktlich um 11:30 wieder an Feld Nr. 50. Unser letztes Spiel ließ sich ansehen: wir gewannen recht hoch, sogar die eigentlich die ganze Zeit spottenden teekkaris, gegen die wir unser erstes Spiel verloren hatten, verbargen ihre Beeindruckung nicht.

Damit waren die beiden Mannschaften, die uns besiegt hatten, weitergeleitet. Die teekkaris hatten jedes Spiel gewonnen. Wir drückten ihnen die Daumen für den weiteren Verlauf. Meine Kameraden gingen zusammen mit den anderen beiden Physiker-Mannschaften essen, nur ich musste mich verabschieden, denn noch bis 17:00 war mein Chor am Proben, am Folgetag war Auftritt. Für 13 Euro ging's mit der Bahn 170 Kilometer in den Südosten.

4 comments:

Brauel in Ulaya said...

Als ich die Bilder sah, fragte ich mich, was wohl der Ursprung dieser Sportart war. Es scheint mir so, als wenn eine spezielle Jagd karikiert wird. Oder ist es total sinnfrei und wie beim norddeutschen Boßeln nur spassiger Anlass für Party und Abfüllen in Gruppen?

Und wenn hier von einer Weltmeisterschaft geredet wird, gab es tatsächlich außereuropäische Teams? Das klingt für mich wie die Angebersprache einiger US-Sportarten, die wenn Teams aus Mittelamerika und Kanada teilnehmen, gleich von World Championships fabulieren.

Stefan Richter said...

Die Sportart gibt es im gesamten Baltikum und einigen Teilen Russlands ebenfalls, aber in anderen Variationen. Diese sind auch eher Imitationen von militärischen Situationen.

Kyykkä ist dem Boßeln (welches ich aus wikipedia kenne) ähnlicher. Interessanterweise ist es selten mit viel Alkoholkonsum verbunden. Es ist ein klassisches Feldspiel, für das sowohl Kraft (die karttus sind recht schwer) als auch Geschick (die Hauptsache ist, dass man die richtige Stelle trifft) benötigt werden. Für Frauen gibt es noch eine zusätzliche Abwurflinie, die näher an der gegnerischen Feldhälfte ist, wie gesagt ist das Wurfholz recht wuchtig.

Das Wort Weltmeisterschaft ist genauso ironisch gemeint wie das Wort akademisch im Namen des Wettbewerbs. Es gibt einige Variationen von kyykkä, aber akademisch ist keine davon. Der Name ist als Witz, auf keinen Fall als Geprotze zu verstehen.

In den USA gibt es übrigens auch noch das ebenso absurde Gegenteil zu den "World" Championships: Die NBA und NHL sind keineswegs National sondern enthalten auch kanadische Teams.

Unknown said...

hey,
bei "schlag den raab" haben sie vor ein paar monaten (september/oktober?) auch kyykkä gespielt, allerdings unter einem anderen namen! es gibt eine deutsche organisation in berlin, die auch deutsche meisterschaften veranstaltet, aber keinen plan wie, wann oder wo!

Stefan Richter said...

Ja, das Spiel ist meines Wissens besonders im Baltikum (Estland, Lettland, Litauen) und dem angrenzenden Teil von Russland sehr verbreitet. Deshalb gibt es auch viele Namen dafür. Auch in Finnland wird es manchmal papintappo ("Pfarrertotschlag") genannt. Dieser Name bezeichnet allerdings auch noch ein anderes, verwandtes Spiel.

Wundert mich also nicht, wenn bei Schlag den Raab unter einem anderen Namen gekyykt wurde.