Gestern war ein ganz interessanter Tag. Zum ersten Mal im Leben habe ich als Vorsitzender die Versammlung eines eingetragenen Vereins geleitet. Außerdem war ich in der DSH und habe den Oberstufenschülern ein wenig über das Leben nach der Schule - für das man dort ja bekanntlich lernt - erzählt. Zum Tagesausklang gab es Musik und Gespräche mit dem Musikernachwuchs der DSH.
Die Versammlung war eine Vorstandssitzung von pOTAatti, einem Verein an der TU, dessen Ziel die Verbreitung von biologisch angebauten, regionalen und fair gehandelten Produkten ist. Dazu gehören Kochabende, Exkursionen in Betriebe, Informationsschreiben auf die Mailingliste sowie einzelne andere Aktivitäten. So hat der 1992 gegründete Verein im letzten Jahrtausend Beerensträucher auf dem Campus gepflanzt. Irgendwann hat der Winter sie leider gemeuchelt. Potaatti hatte seit seiner Gründung immer nur eine handvoll Mitglieder. Letztes Jahr wurde ich zum Finanzverwalter, dieses Jahr zum Vorsitzenden gewählt.
Während meine erste Aufgabe aufgrund der im Vergleich zu vielen größeren Vereinen überschaubaren Aktivität sehr einfach war, habe ich jetzt vor, es mir nicht zu leicht zu machen! Ich möchte meine ganze Kraft daran setzen, den Verein im laufenden Jahr viel bekannter zu machen, viel mehr und vielseitigere Aktivitäten durchzuziehen und möglichst viele neue Mitglieder anzuwerben. Die Leute interessieren sich eindeutig für das gebotene Thema, an potentiellen Mitgliedern ist die Uni voll, aber obwohl in den Vereinslisten des Studentenwerkes geführt, ist der Potaatti sehr unbekannt. Ich bin überzeugt, dass man das durch öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen leicht ändern und unter Interessierten einen Schneeballeffekt erzeugen kann. Auch Mark, unser Verantwortlicher für Aktivitäten, hat das erkannt und hat den genialen Vorschlag geliefert, im Herbst allgemeine Kochkurse besonders für neue Studenten zu veranstalten. Am 18.3. ist Jahresversammlung, wo die kommenden Aktivitäten, die ich bis dahin sammeln muss, besprochen und akzeptziert werden.
Von der Sitzung fuhr ich direkt ins Zentrum und kam gerade noch rechtzeitig zur Oberstufeninfo an der DSH. Als erster Ehemaliger hatte ein guter Bekannter das Wort: mein Bruder. Dann war ich dran. Vorbereitet hatte ich natürlich nix, also erzählte ich sehr knapp (was mir sonst schwer fällt) meinen Werdegang und gab dann ein paar subjektive Tipps - das war ja der Sinn der Veranstaltung. Meine beiden Hauptthesen:
- Keine Panik! Wenn ihr nicht wisst, was ihr mit euch anfangen sollt, macht euch nicht zu viele Sorgen, sondern probiert einfach was aus. Ihr merkt dann in der Regel verblüffend schnell, was ihr wollt und was nicht.
- Die Schulausbildung ist dazu da, eine gute Allgemeinbildung zu liefern, deduktives und induktives Denken zu trainieren, Interesse zu wecken.
Sie ist nicht dazu da, tiefe Fachkenntnisse in einzelnen Fächern zu erlangen, sich stark zu spezialisieren, sich nur an das heranzuwagen was man gut kann. Dafür ist die weitere Ausbildung da.
Mein Vortrag bekam sehr positive Kommentare von Lehrern und Veranstaltern. Monika, einer sehr hippen Lehrerin, gefiel, dass ich den Schülern gegenüber weder arrogant noch anbiedernd ("ich bin doch einer von euch"), sondern sehr souverän gewesen sei. Sie kritisierte allerdings auch, dass ich das Studium in Deutschland allgemein runtergemacht habe. Das gab mir Gewissensbisse - ich hatte das nicht beabsichtigt, als ich die Studienbedingungen in Finnland hoch lobte und wohl scherzhaft meinte, so toll sei es nirgendwo anders. Monika fand es sehr deutsch von mir, mein Heimatland schlecht zu machen. Sie bedauerte, dass man sichhistorisch bedingt überall schäme, Deutscher zu sein und dass das auch oft von einem erwartet würde. Hierzu auch ihr Kommentar (frei wiedergegeben): "Als Deutscher ist man immer hier entweder ein rechter Nationalist oder ganz extrem links und will von Vaterlandsgerede nichts hören. Warum müssen sich die Deutschen denn immer so wehtun? Die Finnen sind doch auch ganz gesund stolz auf ihr Land." Ich stimme ihr da sehr zu!
Und nahm mir vor, bei meinem nächsten Vortrag als Alumnus darauf zu achten und zu betonen, dass die deutsche Kultur genauso liebenswert ist wie die jedes anderen Landes auch.
Stephu (Schlagzeug) beim Proberaum. Mankkaa/Espoo, April 2007.
Danach probten in der Aula öffentlich die Bands, die am Freitag zum Landeswettbewerb Jugend Musiziert Nord- und Osteuropa nach Budapest fahren werden. Die DSH stellt bei den JuMu-Landeswettbewerben traditionell die Hälfte aller Teilnehmer, aber die Menge an weitergeleiteten Bands war umwerfend. Noch viel großartiger waren Vielseitigkeit und Niveau! Besonders erfreut zu sehen war ich, dass Silvius, der kleine aber äußerst erwachsene Bruder meiner guten Freundin Feli, ein echter Rockstar geworden ist. Er spielt Gitarre und singt auf deutsch und ist dabei sehr natürlich und selbstbewusst - für ihn ist Singen wie Reden. Wenn er sich im Ton verhaut, macht er kein großes Getue drum, sondern lässt sich nicht beirren.
Ich kann noch viel von ihm lernen!
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