Saturday, 23 February 2008

Gesang und Hedonismus

Gestern war die Bandprobe ungewöhnlich früh, denn um halb sechs holte mich Eino am vereinbarten Ort mit dem Auto ab, und gemeinsam mit Tonttu ("Wichtel", eigentlich: Tuomas), Jassu (eigentlich: Jaakko-Antti), Pyry, Andy (Antti) und Bobi (Miika) fuhren wir eng zusammengequetscht 20 Kilometer in Richtung Tampere. Dort, in Klaukkala, bewohnt Joppe (Jorma) mit seiner Frau die eine Hälfte eines malerischen, alten Holzhauses.

In einem entlegenen Winkel des Kampus' von TKK. Herbst 2007.

Aber heute war keine Frau im Haus. Joppe begrüßte uns fröhlich an der Tür. Im durch und durch gemütlich altmodisch eingerichteten Wohnzimmer hatten es sich Tuomo, Sampo und Antti schon bequem gemacht.

Wer sind all diese Herren? Jemand ahnt es vielleicht schon. So verschieden und charismatisch jeder einzelne von ihnen auch ist, haben doch alle eines gemeinsam: sie singen Tenor bei Dominante. Und am Freitag war Tenorstimmprobe (stemmikset im Chorjargon, von stemma = Stimme [ugs.]).

Die stemmikset der Tenöre gelten im Chor als die lustigsten. Während besonders die der Frauenstimmen eher normale Proben bei irgendwem zu Hause oder in unserem Aufenthaltsraum Fermaatti sind, finden die der Tenöre unter dem Motto "Gesang und Hedonismus" statt. Es wird stets gut gegessen und getrunken. Diesmal hatte Meisterkoch Eino 3,5 Kilogramm Rind besorgt, welches er sofort in den Ofen verfrachtete. Joppe hatte einen tollen Salat vorbereitet und kochte obendrein eine göttliche Pilzsuppe. Die Pilze hatte er im Herbst bei seinem mökki selbst gesammelt und getrocknet. Er hatte davon ein riesiges Glasgefäß voll, bei dessem Anblick Eino und Jassu vor Neid laut aufstöhnten. Eino sprach aus, was alle dachten: beim Trocknen schrumpeln Pilze enorm zusammen. Frisch hätte man mit denen bestimmt einen ganzen saavi (großer Wasserbottich in der Sauna, fasst ca. 100 l) füllen können.

Martin bereitet eine Gratination vor. Herbst 2007.

Während das Fleisch garte, machten wir uns an die Johannespassion von Bach. Da die meisten älteren Sänger diese schon mehrmals aufgeführt hatten, war das Proben sehr entspannt. Die anderen meinten, es ginge in erster Linie darum, sie mir - dem Neuen - beizubringen. Das gelang auch recht gut.
Dann Hedonismus. Joppes Suppe begeisterte die Herrschaften, die ersten fünf Rotweine wurden geöffnet. Das Hauptgericht stand ihr in nichts nach. Dem Vegetarier Bobi hatte Jassu ein Rotbarschfilet gebraten. Als alle gesättigt waren, ging eine rege Diskussion los, die bis zwei Uhr in der Nacht dauern sollte. Es wurde über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Tenors sowie des ganzen Chores gesprochen. Zwischendrin wurden immer wieder Anekdoten erzählt, insbesondere von weltweiten Konzerttourneen des Chors (2009 geht es vorraussichtlich nach Japan!) und dem traditionellen jährlichen Tenorsegeln im Mai: auf Passes (Juha) Boot geht es nach Estland.
Zeitweise hatten alle Tränen in den Augen vor Lachen. Auch, als Eino später etwa eine halbe Stunde lang einen sehr unregelmäßigen, lauten Schluckauf hatte. Immer an den passenden Stellen machte es laut "huuuuaps".
Es wurden noch viele Weinflaschen geleert, die Geschichten und der Diskussionsstoff wollten nicht enden. Irgendwann bat Jassu um Aufmerksamkeit und offenbarte uns, das seine Frau Matleena schwanger sei. Als der Jubel sich gelegt hatte, ließ er sogar ein Ultraschallfoto herumgehen.

Martin vor der Rückseite des Kiasma (Museum für moderne Kunst). Herbst 2007.

Ich habe mich schon immer wohl gefühlt im Kreise dieser Herren, aber gestern habe ich sie noch mehr schätzen gelernt. Jeder einzelne von ihnen ist ein ganz kerniger Charakter und jeder einzelne ist mir sympathisch: Der verantwortungsbewusste Andy; der immer gut gelaunte Hippie Bobi; der vornehme Tonttu; Joppe, der ein wirklich großes Herz hat und noch dazu am rechten Fleck; der vernünftige Antti, der keinen Alkohol trinkt; der weltmännische Eino mit seinen starken Meinungen (Zitat: "Ich weiß, dass das nicht die Wahrheit ist. Ich sagte ja: meine Meinung."); Jassu, der immer Rat weiß; der fleißige Pyry, der sich immer gewissenhaft um alles kümmert, wozu kein anderer Lust hat; Tuomo mit seinen schrägen Witzen; sowie Heldentenor Sampo, der seelenruhig die Geschichte zu Ende erzählt, während die anderen schon nicht mehr können vor Lachen. Hoffentlich geht keiner von ihnen zu bald aus dem Chor.

Bobi und Antti waren nüchtern geblieben und fuhren die Bande schließlich nach Hause. Um halb vier zog ich die Vorhänge zu, ließ den Wecker ungestellt und schlief glücklich ein. Achtung, stefanscher Superlativ: Es war definitiv einer der besten Abende meines Lebens.

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